Arbeitsschutz in der digitalen Welt der Arbeit

Smarte Arbeitsplätze sorgen dafür, dass die  Produktion noch effizienter funktioniert. 
Doch wer schützt die Beschäftigten, wenn der Takt immer schneller wird?

Die "Industrie 4.0" wird derzeit viel diskutiert. Auffällig: Immer wieder wird der Mensch als wichtigster Faktor betont. Doch gleichzeitig werden Zentrale Bereiche vernachlässigt:

So fehlt es an einer fundierten Debatte um einen entsprechenden Arbeits- und Gesundheitsschutz. Denn nur wenn die Risiken der neuen Arbeitswelt systematisch ausgeleuchtet werden, wird der Mensch zu deren Maßstab. Es lohnt sich daher ein genauer Blick auf Vor- und Nachteile der technischen Möglichkeiten der Industrie 4.0. Schließlich hängt die Gestaltung von humanen Arbeitsbedingungen davon ab, ob die Gefährdungen für die Gesundheit einer veränderten Arbeitswelt frühzeitig erkannt werden.

Neue Technologien könnten auch intelligent für den Arbeits- und Gesundheitssschutz der Beschäftigten genutzt werden.

In vielen Betrieben existieren bereits voreingestellte, personifizierte ergonomische Arbeitsplätze. Diese Grundorientierung  smarter Arbeitsplätze lässt sich auf viele weitere Bereiche übertragen: Fahrerinnen und Fahrer von LKW, Zügen oder Niederflur-Fahrzeugen können mit ihrem Chip die Memory-Funktion des Sitzes gesundheitsgerecht einstellen. Das ist vorteilhaft, da individuelle ergonomische Standards permanent verfügbar sind; negative Belastungen des Rückens, der Bandscheiben können reduziert werden. Der Arbeitgeber profitiert hier von schnelleren Rüstzeiten. Auch für einseitig belastende Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Heben und Tragen, lassen sich positive Effekte generieren. Sogenannte Avatare, die virtuelle Abbilder von der Arbeitskraft in »Echtzeit« liefern, können wertvolle Hinweise auf ergonomische Fehlhaltungen geben. Zusätzlich können digitale Assistenzsysteme dabei helfen, Fehlbelastungen aufzuzeigen und ergonomischeres Vorgehen vorschlagen. Ist der Bewegungsablauf nicht optimal, bekommt die Arbeitskraft einen Hinweis und kann die Haltung entsprechend korrigieren.

Digitalisierung bedeutet aber in erster Linie, dass Arbeitsprozesse effektiver strukturiert werden. Das erhöht das Arbeitspensum und den psychischen Druck auf die Beschäftigten.

Unbeachtet bleiben allerdings die Belastungsreaktionen, die als solche nicht augenscheinlich sind, im Leben der Beschäftigten jedoch eine wachsende Bedeutung spielen. Hier deuten Untersuchungen darauf hin, dass permanente Verfügbarkeit sowie verdichtete Arbeitsorganisation Ursachen für depressive Erkrankungen sind.  Als Folge systematischer Überlastungen sind dies Symptome einer fexiblen und schnelllebigen Arbeitswelt. Mit dem Schritt der Digitalisierung spitzt sich auch damit die alte Frage zu, wer den Takt der Arbeit bestimmt, Mensch oder Technik. Auch wenn die Technik die Geschwindigkeit nicht mehr vorgibt, hilft sie doch, Ineffizienz zu erkennen und zu umgehen.  Damit droht der Leistungsdruck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weiter zu steigen. In der Folge wird zusätzlicher Arbeitsstress aufgebaut.

Eine ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung ist nötig, um die Risiken zu erkennen und einzudämmen.


Priorität hat der Mensch

Die arbeitswissenschaftlich begründete und arbeitsschutzrechtlich normierte Anforderung, wonach der Arbeitsplatz menschengerecht und gesundheits-förderlich zu sein hat, den Bedürfnissen des Menschen dienen muss, dürfen bei der Planung und Einführung von neuen Arbeitssystemen nicht unberück-sichtigt bleiben. Der Mensch droht, zum Anhängsel der Entwicklung zu werden. Einseitig belastende Bewegungs-abläufe, wiederkehrende, repetitive Tätigkeiten sind krankmachende Belastungen, die einer prospektiven, also gesundheitsförderlichen, beanspruchungsoptimalen Arbeitssituation entgegenstehen. In Wechselwirkung mit psychischen Belastungsfaktoren (wie einge-schränkte Handlungsspielräume, mangelhafte Arbeitsorganisation) sowie ungesundem Führungsverhalten können Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten negativ beeinträchtigt werden und das Stresserleben steigern.


Die eindeutige Bestimmung der krankmachenden Quellen erfordert ihre systematische Erfassung. Für die Arbeitswelt muss daher gelten, dass die Arbeitssituationen hinsichtlich ihrer Belastungswirkung sorgfältig analysiert, bewertet, dokumentiert und regelmäßig überprüft werden. Das geeignete Instrument ist die Gefährdungsbeurteilung.